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Nachruf zum Tode von Prof. Dr. Wolfgang Schrage

Am 22. Oktober 2017 verstarb Prof. Dr. Wolfgang Schrage im Alter von 89 Jahren. Er gehörte der Evangelisch-Theologischen Fakultät von 1964 bis 1993 als Lehrstuhlinhaber an. In der Neutestamentlichen Wissenschaft hat er sich ein hohes Ansehen erworben. Im Amt des Dekans stand er der Fakultät 1968 bis 1969 vor.

„Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft.“

1. Korinther 1,18

 

Die Evangelisch-Theologische Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn trauert um ihren emeritierten o. Professor für Neues Testament,

 

Prof. Dr. Wolfgang Schrage

 

der am 22. Oktober 2017 im Alter von 89 Jahren in Bad Honnef verstarb.

„Kreuzestheologie und Ethik im Neuen Testament“ – mit dem Titel einer 2004, anlässlich des 75. Geburtstags, erschienenen Aufsatzsammlung sind wichtige Anliegen und Stationen im wissenschaftlichen Lebenswerk des Verstorbenen bereits bezeichnet: Vor allem als Paulus-Interpret, daneben und zuvor schon als einer der wenigen Exegeten seiner Generation, die sich mit verschiedenen Aspekten neutestamentlicher Ethik beschäftigten und damit ein ganzes Forschungsfeld wieder fruchtbar machten, hat er breite, auch international hoch anerkannte Wirkung entfaltet. Sein Lehrbuch zur „Ethik des Neuen Testaments“ aus dem Jahr 1982 (5. Aufl. 1989) wurde zum Klassiker und liegt auch in englischer, spanischer und portugiesischer Übersetzung vor.

Hervorzuheben sind daneben besonders auch die Arbeiten des Verstorbenen zur Erforschung des antiken Judentums (u. a. mit dem großen Artikel zur Synagoge im Theologischen Wörterbuch zum Neuen Testament von 1963, einer annotierten Übersetzung der Elia-Apokalypse, publiziert 1980 in der Reihe „Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit“, oder einer 2002 erschienenen Studie zum sog. Monotheismus des Paulus im biblisch-frühjüdischen Kontext) sowie zur Debatte um das Verhältnis von Israel und der Kirche, in der er sich so pointiert wie exegetisch präzise zu Wort meldete. In der von Schülerinnen und Schülern besorgten Festschrift zum 70. Geburtstag wurde das – dialektisch, nicht kompromissheischend zu verstehende – „Ja und Nein“ des Geehrten zu mancher von Zeitgenossen sonst gegebenen Antwort auf diese theologisch zentrale und dringliche Frage aufgegriffen und aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet.

Wolfgang Schrage wurde am 30. Juli 1928 in Hagen (Westfalen) geboren. Nach dem Abitur führte ihn das Studium der ev. Theologie nach Bonn, Göttingen, Heidelberg und Bethel. Von 1954 bis 1959 nahm er eine Assistenz an der Theologischen Fakultät der Universität Kiel wahr. Bei seinem Lehrer Heinrich Greeven erarbeitete er in dieser Zeit eine Dissertation zu den „konkreten Einzelgeboten der paulinischen Exegese“ (als Buch erschienen 1961), mit der er 1959 promoviert wurde. Ebenfalls in Kiel habilitierte Schrage sich 1962 (Umhabilitation 1963 nach Tübingen) mit einer Untersuchung zum Verhältnis des Thomas-Evangeliums zur synoptischen Tradition. Er trug mit dieser im wissenschaftlichen Kontext der Zeit ungewöhnlichen Themenstellung früh zu einer Aufgabe bei, die heute im Zentrum der neutestamentlichen Exegese weltweit steht: die Kontextualisierung der kanonischen Schriften im breiteren Strom frühchristlicher Tradition und Literatur. In den Jahren seiner akademischen Qualifikationen legte er auch die beiden theologischen Examina vor der Evangelischen Landeskirche von Westfalen ab. Schon im Jahr 1964 folgte der Verstorbene einem Ruf auf den Lehrstuhl für Neues Testament an der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Bonn, und hier am Rhein wirkte er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1993 fast dreißig Jahre. Einen Ruf an die Theologische Fakultät der Universität Heidelberg lehnte Schrage im Jahr 1975 ab. Als Beispiele für die von Schrage wahrgenommenen Tätigkeiten in akademischer Selbstverwaltung,  Lehre und Forschung seien hier nur die leitende Verantwortung in der Bibliothekskommission der Universitätsbibliothek Bonn sowie die Herausgeberschaft der Reihe „Forschungen zur Religion und Literatur im Alten und Neuen Testament“ genannt.

Im Mittelpunkt von Schrages Beschäftigung mit dem Apostel Paulus stand der 1. Korintherbrief. Vielleicht im Sinne des Verstorbenen kann gesagt werden: Der Text stellt vor die in guter evangelischer Tradition wahrgenommene theologische Herausforderung, die froh machende Botschaft von der Überwindung von Sünde und Tod durch und in Jesus Christus als „Wort vom Kreuz“ aussagen zu können und so die „theologia crucis“ als einzig vor der Welt verantwortbare und ihr geschuldete Form der Rede von Gott je neu zur Sprache zu bringen. Die Kommentierung des Textes im „Evangelisch-Katholischen Kommentar“, die Frucht jahrzehntelanger Auseinandersetzung, erschien schließlich in vier Bänden in den Jahren 1991 bis 2001. Mit seiner philologischen Sorgfalt, dem geduldigen Abwägen aller wesentlichen exegetischen Argumente und seiner umfassenden Beachtung auch der Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte der biblischen Texte setzt dieses opus magnum bis in die Gegenwart Maßstäbe. In den 2007 erschienenen „Studien zur Theologie im 1. Korintherbrief“ hat der Verfasser Grundlinien seines Verständnisses des Paulus-Textes in knapper und leicht zugänglicher Form noch einmal skizziert.

 Im Vorwort der genannten Aufsatzsammlung von 2004 gibt Schrage selbst die wesentlichen Orientierungspunkte seiner Arbeit an: die von Karl Barth, Rudolf Bultmann u. a. geprägte „Theologie des Wortes Gottes“ und, sachlich nahe, die Barmer Theologische Erklärung von 1934. Hohe philologische Kompetenz, stupende Quellenkenntnis, unerschöpflich scheinender Fleiß sowie eine hermeneutisch geklärte (historische) Methodik dienen im Oeuvre Schrages zuletzt stets der theologischen Orientierung und sind so auch ein wesentlicher Dienst an der Gemeinschaft der Glaubenden, der Kirche. Einer primär literatur- oder kulturwissenschaftlich orientierten Exegese hätte der Gelehrte wenig abgewinnen können. Die Überzeugung, dass „Denkakt“ und „Lebensakt“ zusammengehören, wie Schrage einmal, Worte Adolf Schlatters aufnehmend, schrieb, verband ihn mit seinem verehrten Göttinger Lehrer Ernst Käsemann; sie erklärt nicht nur das Bei- und Miteinander von Theologie und Ethik in seiner wissenschaftlichen Arbeit, sondern auch den treuen Dienst, den der Verstorbene, etwa im Theologischen Ausschuss der Evangelischen Kirche der Union, mit zahlreichen Predigten und Predigtmeditationen oder mit kritischen Stellungnahmen zu aktuellen Fragen, Kirche und Verkündigung leistete. Und so nimmt es auch nicht Wunder, dass die Neutestamentliche Sozietät, zu der das Ehepaar Schrage über lange Jahre ins Heim in Bad Honnef einlud, in vorbildlicher Weise auch ein Ort der Begegnung von akademischer Exegese und kirchlicher Praxis wurde – gewiss sehr zum Nutzen beider!

 Mit Wolfgang Schrage verlieren wir einen engagierten und fordernden akademischen Lehrer, einen eindrucksvollen, hoch geschätzten Gelehrten und einen humorvollen und persönlich bescheidenen Kollegen.

Prof. Dr. Hermut Löhr                                            Prof. Dr. Udo Rüterswörden, Dekan

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