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Frank Surall: Juden und Christen - Toleranz in neuer Perspektive. Der Denkweg Franz Rosenzweigs in seinen Bezügen zu Lessing, Harnack, Baeck und Rosenstock-Huessy, Gütersloh 2003

Zusammenfassung: Die Dissertation umreißt in der Auseinandersetzung mit der Bestimmung des Verhältnisses von Judentum und Christentum, wie sie wegweisende jüdische und christliche Autoren vor allem in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts vorgenommen haben, die Konturen eines komplementären Toleranzmodells. In einer gesellschaftlichen Situation, in der die Vielfalt religiöser Orientierungen zunimmt, kommt der Begründung religiöser Toleranz verstärkte Bedeutung zu. In theologischer Perspektive handelt es sich bei der Frage der Toleranz um einen "besonders aufschlußreiche[n] Testfall in der Beziehung von Dogmatik und Ethik" (Gerhard Ebeling), so dass die Ergebnisse der Untersuchung für beide Teildisziplinen der Systematischen Theologie relevant sind - darüber hinaus aber auch für den interreligiösen und speziell den christlich-jüdischen Dialog.

Im Allgemeinen ist auf theologischer Seite in der interdisziplinär geführten Debatte um Toleranz eine auffällige Zurückhaltung zu beobachten, die v.a. darauf zurückzuführen ist, dass dieser Begriff oft mit Indifferenz assoziiert und daher bewusst gemieden wird. Das in der Dissertation vorgestellte komplementäre Toleranzmodell zeigt hingegen, dass religiöse Toleranz keineswegs notwendig einen neutralen Standpunkt über den Religionen voraussetzt. Es hebt sich darin von einem Modell ab, das religiöse Toleranz durch eine idealistische Reduktion positiver Religionen auf einige wesentliche Inhalte (z.B. ethischen Monotheismus, Unsterblichkeit der Seele) begründet, die ihnen gemeinsam seien. Aporien eines solchen wirkungsvoll von Gotthold Ephraim Lessing entworfenen reduktiven Toleranzmodells werden anhand der Kontroverse zwischen dem evangelischen Theologen Adolf von Harnack und dem jüdischen Rabbiner und Religionsphilosophen Leo Baeck aufgezeigt.

Die Untersuchung lässt sich schwerpunktmäßig vom Denkweg des jüdischen Religionsphilosophen Franz Rosenzweig (1886-1929) leiten, der aus einer tiefen existentiellen Berührung mit dem Christentum heraus und in einer geistigen wie persönlichen Auseinandersetzung mit christlichen Freunden eine komplementäre Zuordnung von Juden und Christen entwickelt hat. Indem die Analyse die Entwicklungsstufen dieser Verhältnisbestimmung in ihrem biographischen Zusammenhang verfolgt und deren noch systemfreie Ausprägung im Briefwechsel mit Eugen Rosenstock(-Huessy) 1916 in den Mittelpunkt stellt, weist sie nach, dass Rosenzweigs Grundgedanke der Komplementarität von Juden und Christen nicht so statisch ist, wie man vom System seines 1919 vollendeten Hauptwerks "Der Stern der Erlösung" her vielfach behauptet hat. Gegenseitige Toleranz wird von Rosenzweig dadurch begründet, dass gerade den vom jeweils Anderen als anstößig empfundenen Eigenheiten ein Sinn zuerkannt wird. Die Differenz wird nicht aufgehoben, sondern bleibt ein Ärgernis, das nichtsdestotrotz ein notwendiges Komplement des Eigenen darstellt.

Diese "neue Lösung des Toleranzproblems" (Rosenzweig) steht nicht einfach in einem Gegensatz zur Toleranz Lessings, sondern würdigt deren fortschrittliche Leistung gegenüber der inhumanen Intoleranz früherer Zeitalter. In systematisch-theologischer Perspektive kann das komplementäre Toleranzmodell andere Begründungen religiöser Toleranz nicht ersetzen. Wohl aber vermag es, wenn Religionen oder Konfessionen in ein komplementäres Verhältnis zueinander gestellt werden können, inhaltliche Toleranz auch dort zu begründen, wo keine Toleranz auf der Grundlage wechselseitig anerkannter Gemeinsamkeiten möglich ist.



Inhaltsverzeichnis

 

Vorwort

1 Einleitung

1.1 ZUR ANLAGE DER UNTERSUCHUNG

1.2 DER BEGRIFF "TOLERANZ". BEGRIFFLICHE KLÄRUNGEN

1.2.1 Zur Geschichte des Begriffs "Toleranz"

1.2.2 Systematische Differenzierungen des Toleranzbegriffs

1.2.2.1 Der Staat als Subjekt von religiöser Toleranz

1.2.2.2 Institutionelle und individuelle Toleranz

1.2.2.3 Formale und inhaltliche Toleranz

1.2.2.4 Einstellungs-Toleranz und Verhaltens-Toleranz

1.2.2.5 Innere und äußere Toleranz

1.2.2.6 Methodische Konsequenzen

 

2 Die Toleranz Lessings im Kontext des wilhelminischen Deutschland

2.1 ANTIJUDAISMUS ALS RELIGIÖSE INTOLERANZ IM WILHELMINISCHEN DEUTSCHLAND

2.1.1 Heinrich v. Treitschkes Position im Berliner Antisemitismusstreit

2.1.2 Die Benachteiligung von Juden durch den Staat

2.1.2.1 Die Benachteiligung von Juden in der Universität

2.1.2.2 Die Benachteiligung von Juden im Heer

2.1.4 Fazit

2.2 DIE TOLERANZBEGRÜNDUNG IN LESSINGS DRAMA "NATHAN DER WEISE"

2.2.1 Biographische und werkgeschichtliche Hinweise zu Lessing

2.2.2 "Nathan der Weise"

2.2.2.1 Intention und Inhalt des Dramas

2.2.2.2 Die Ringparabel

2.2.2.3 Das utopische Leitbild einer Versöhnung der Religionen

2.3 ANFRAGEN AN DAS REDUKTIVE TOLERANZMODELL LESSINGS

 

3 Die Begrenzung inhaltlicher Toleranz bei Adolf von Harnack und Leo Baeck

3.1 DAS VERHÄLTNIS VON JUDENTUM UND CHRISTENTUM NACH ADOLF VON HARNACK

3.1.1 Das theologische Anliegen Harnacks im Kontext seiner Biographie

3.1.2 Harnacks Bestimmung des Verhältnisses von Judentum und Christentum

3.1.2.1 Die Begründung formaler Toleranz gegenüber dem Judentum

3.1.2.2 Zeitloses Evangelium und zeitgeschichtliche Bedingtheit im "Wesen des Christentums"

3.1.2.3 Das Verhältnis von Judentum und Christentum im "Wesen des Christentums"

3.1.3 Harnacks Antiformalismus als Wurzel seines Antijudaismus

3.1.4 Das Verhältnis von formaler Toleranz und inhaltlicher Intoleranz bei Harnack

3.2 DAS VERHÄLTNIS VON JUDENTUM UND CHRISTENTUM NACH LEO BAECK

3.2.1 Biographischer Grundriss

3.2.2 Baecks Kritik an Harnacks "Das Wesen des Christentums"

3.2.2.1 Der Vorwurf unwissenschaftlicher Subjektivität und Apologetik

3.2.2.2 Der Vorwurf ungerechter Polemik gegen das Judentum

3.2.2.3. Die unterschiedliche Bewertung Jesu

3.2.2.4 Fazit

3.2.3 Baecks Bestimmung des Wesens des Judentums und dessen Verhältnis zum Christentum

3.2.3.1 Von der Kritik an Harnack zum "Wesen des Judentums"

3.2.3.2 Das ethische Wesen des Judentums

3.2.3.3 Das Verhältnis des Judentums zum Christentum und anderen Religionen

3.2.3.4 Toleranz im "Wesen des Judentums"

3.3 FAZIT: DIE EXKLUSIVE ENGFÜHRUNG DES REDUKTIVEN TOLERANZMODELLS BEI HARNACK UND BAECK

 

4 Inhaltliche Toleranz im Verhältnis von Judentum und Christentum bei Franz Rosenzweig

4.1 DIE NOTWENDIGKEIT EINER ALTERNATIVE ZUM REDUKTIVEN TOLERANZMODELL

4.2 ROSENZWEIGS PRÄGUNG DURCH DAS LIBERALE JUDENTUM

4.3 ROSENZWEIGS ANNÄHERUNG AN DAS CHRISTENTUM IM "LEIPZIGER NACHTGESPRÄCH"

4.4 ROSENZWEIGS RÜCKKEHR ZUM JUDENTUM

4.4.1 Die Nachwirkung des "Leipziger Nachtgesprächs"

4.4.2 Die Erfahrung lebendigen Judentums im Berliner Erlebnis

4.4.3 Konsequenzen aus der Erfahrung des lebendigen Judentums

4.5 DAS VERHÄLTNIS VON JUDENTUM UND CHRISTENTUM IM BRIEFWECHSEL MIT EUGEN ROSENSTOCK

4.5.1 Kontext und Prolog des Briefwechsels

4.5.2 Die unterschiedliche Identität von Juden und Christen

4.5.3 Die Position Rosenzweigs: Juden und Christen in komplementärer Beziehung

4.5.3.1 Die Theologumena der jüdischen Verstocktheit und der christlichen Tochterreligion

Exkurs 1: Franz Rosenzweig und Leo Baeck

4.5.3.2 Praktisches Ernstnehmen im Judenhass der Christen und im Judenstolz der Juden

4.5.3.3 Die Relativierung der komplementären Theorie in der Welt der Tat

4.5.4 Die Position Rosenstocks: Das Judentum als Heidentum

4.5.4.1 Die Grundorientierung durch die Christusoffenbarung

4.5.4.2 Die anachronistische Existenz des Judentums im Widerstand gegen die Offenbarung

4.5.5 Die Kontroverse: Judentum als Komplement des Christentums oder als Relikt des Heidentums?

4.5.5.1 Das Judentum als "innerer Feind" des Christentums

4.5.5.2 Die Bedeutung des Alten Testamentes für das Christentum

Exkurs 2: Franz Rosenzweig und Adolf von Harnack

4.5.5.3 Die Gemeinschaft des Volkes Israel und die Gemeinschaft Christi

4.5.5.4 Die Gefahr der Paganisierung in Assimilation und Zionismus

4.5.5.5 Judentum - Christentum - Islam

4.5.6 Der Abschluss des Briefwechsels und seine Nachwirkung im "Stuttgarter Nachtgespräch"

4.5.7 Ergebnis in der Perspektive Rosenzweigs: Komplementärer Dialog der Monologe von Juden und Christen

4.6 DAS VERHÄLTNIS VON JUDENTUM UND CHRISTENTUM IM "STERN DER ERLÖSUNG"

4.6.1 Vom Briefwechsel zum "Stern der Erlösung"

4.6.2 Aufbau und inhaltliche Grundzüge des "Stern der Erlösung"

Exkurs 3: Die Religionen Asiens im "Stern der Erlösung"

4.6.3 Die Vorwegnahme der Erlösung im Leben der Juden

4.6.4 Die Verwirklichung der Erlösung durch den Weg der Christen

4.6.4.1 Der doppelte Weg und die innerchristliche Komplementarität

4.6.4.2 Die Unendlichkeit des Weges als Begründung der christlichen Intoleranz und die Frage der Judenmission

4.6.4.3 Die Anerkennung des christlichen Weges mit dem Sohn und die Geltung der Tora

4.6.4.4 Die Anerkennung des christlichen Weges durch den Staat

4.6.4.5 Die Öffnung des kirchlichen Jahreskreises zur Spirale

4.7 AUFNAHME UND WEITERFÜHRUNG GEISTESGESCHICHTLICHER TRADITIONEN IN DER KOMPLEMENTÄREN VERHÄLTNISBESTIMMUNG VON JUDENTUM UND CHRISTENTUM

4.7.1 Konzeptionelle Einordnung der Komplementarität

4.7.2 Terminologische Einordnung der Komplementarität

4.8 DIE KOMPLEMENTÄRE TOLERANZ UND DIE TOLERANZ LESSINGS

 

5 Komplementäre Toleranz im Anschluss an Rosenzweig. Systematisch-theologische Reflexionen

5.1 DAS VERHÄLTNIS VON JUDENTUM UND CHRISTENTUM

5.2 DIE KOMPLEMENTÄRE TOLERANZ

 

Literaturverzeichnis

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