Neuerscheinung: R.Schmidt-Rost, Massenmedium Evangelium.
Reinhard Schmidt-Rost, Massenmedium Evangelium. Das "andere" Programm, Hannover 2011
(zu beziehen über das Schloßkirchenbüro, Tel. 73 5710 oder das Kirchenamt der VELKD, Hannover, s. deren website)
Das Evangelium hat sich im römischen Kaiserreich als Botschaft, als massenmediales Phänomen nicht als Lehre einer Organisation verbreitet. Seine Wirkung in den ersten Jahrhunderten entfaltete es durch die Gottesvorstellung des barmherzigen Vaters, die Jesus von Nazareth gelehrt hatte und für die er gekreuzigt wurde. Fasst man das Evangelium als massenmediales Phänomen auf, so muss man die Praxis der Christenheit als Kommunikationsprozess beschreiben, der das Evangelium von der Barmherzigkeit und Güte Gottes in vielfältigen Formen veröffentlicht. Als Kontrapunkt zum gesellschaftlich dominanten Programm von der Überlegenheit des Starken und Leistungsfähigen wirkt das Evangelium, das “andere” Programm, erhaltend und vermutlich auch evolutiv fördernd auf das soziale Klima auch moderner, pluraler Gesellschaften ein.
Die Besonderheit des Evangeliums erschließt sich, wenn man
- die Gesellschaft als Kommunikationsprozess betrachet,
- der notwendigerweise auf Differenzen beruht,
- die auszuhalten und auszugestalten, Aufgabe jeder Gesellschaft ist, wenn sie Bestand haben und sich fortentwickeln will,
und wenn man der Frage nachgeht, wie eine Kraft beschaffen sein müsste, die die Differenzen, ohne die Gesellschaft nicht möglich ist, “aufheben”, d.h. zugleich bewahren und überwinden könnte. Man wird dabei auf den Kern der Sendung Christi stoßen: Eine Gottesvorstellung, in der die entgegenkommende Liebe, Gott, sich in die Relativität der Gesellschaft durch die massenmediale Technik des Wortes einbinden lässt und darin wirkt.
Die Vermittlung des Sinnes der evangelischen Botschaft in die jeweilige Gegenwart wirft spezielle Probleme auf, weil der Kern nur wirken kann, wenn er in vielen zeitgemäßen Formen, Erzählungen, Sinnsprüchen, Gleichnissen, Liedern, Bildern, Filmen gestaltet wird. Dabei kann er nicht so rein erhalten werden, dass er unmissverständlich bleiben könnte. Der Auftrag, die wohltuende Nähe Gottes für alle Menschen guten Willens anzusagen, lässt sich zwar immer wieder als Kern der Botschaft ermitteln und vermitteln, die organisatorischen Maßnahmen zur Programmgestaltung aber beanspruchen eigenes Gewicht und treten damit leicht in Gegensatz zum Inhalt der Botschaft.
Die Botschaft, “die Gottesherrschft ist nahe”, bildet für jede Kultur eine Herausforderung. Sie relativiert die dominant wirkenden gesellschaftlichen Kräfte durch den Kontrapunkt der “Kraft der entgegenkommenden Liebe” als Empfangen und Dienen.
Das Programm der Sendung Christi stellt dem prometheischen Programm “Das Gute siegt” den Grundsatz “Liebe wirkt wohltuend” in der Heilsgeschichte der erwarteten, leidenden und immer wieder auftretenden “entgegenkommenden Liebe” gegenüber. Die Ausgestaltung der evangelischen Botschaft von der entgegenkommenden Liebe kann sachlogisch praktisch nur ohne Gewalt, also schonungsvoll erfolgen, wird deshalb immer als Zeugen- bzw. Glaubensaussage gestaltet werden oder ein dieser Botschaft entsprechendes Handeln sein.
Reinhard Schmidt-Rost, Jg. 1949, Professor für Praktische Theologie und Universitätsprediger an der Universität Bonn seit 1999 (vorher Kiel), Pfarrer der Württ. Landeskirche, Leiter des Pastoralkollegs der VELKD seit 1995, Autor bei Kirche in wdr 3-5, Mitglied des Programmbeirats von Radio Paradiso seit 1997, Jury-Mitglied des Bonner Ökumenischen Predigtpreises seit 2000.
